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Stadtmuseum Stuttgart im Wilhelmspalais

Giovanni Salucci, 1769 in Florenz geboren und zum Architekten ausgebildet, war seit 1817 für Wilhelm I., König von Württemberg, tätig. Von ihm stammen u.a. die Grabkapelle auf dem Rotenberg, das Schloss Rosenstein, oder das 1834 erstellte Wilhelmspalais. Diese drei Gebäude, ganz in palladianischer Manier, zeichnen sich durch eine exzellente architektonische, aber auch städtebauliche Qualität aus. Sein Gespür für die stadträumlich weithin sichtbare Setzung und die präzise Verarbeitung dieser Situation in Grundriss und Schnitt der Projekte ist ein besonderes Merkmal. Im Grunde genommen sind die Architekturen nur im Zusammenhang mit der jeweiligen städtebaulichen Disposition in Gänze zu verstehen. Leider ist, mit Ausnahme des Rotenbergs, dieser Umstand, nämlich das bruchlose Zusammenwirken von Stadt und Gebäudetypologie, durch den Wiederaufbau nach dem Krieg, nicht mehr vorhanden. Der Öffentliche Raum als konstituierende Struktur für das einzelne Gebäude ging durch die nachträglichen Zerstörungen des Wiederaufbaus nahezu verloren. Das betrifft vor allem das Wilhelmspalais, das im 19. Jhdt. den damals schönsten Stadtraum von Stuttgart als Eckpunkt markierte. Die Grundlage dafür hatte Nikolaus von Thouret mit einem Stadtplan gelegt, der im rechten Winkel zum Raum der baumbestanden Planie die Neckarstraße (heutige Konrad-Adenauer-Straße) gelegt hatte. Während die Planie rechts und links von den beiden Schlössern, der Hohen Karlsschule und gegenüber dem Waisenhaus begleitet wurde, sah Thouret für die Neckarstraße die Bebauung mit wichtigen Bauten für Bildung und Kultur des Landes vor. Salucci beschrieb mit dem Wilhelmspalais nicht nur das Ende der Achse der Planie, sondern, im rechten Winkel dazu, den Ausgangspunkt für die Entwicklung der Neckarstraße nach Nordosten.

Im Palais selbst sehen wir im Grundriss die beiden Richtungen durch in sich wiederholende Rechteckformen bestätigt. Sie sind aber ebenso Abbild der Nutzung. König Wilhelm I. dachte das Gebäude als Wohnhaus für seine beiden Töchter zu errichten. Insofern spiegelt die beidseitige Anordnung der Treppen, rechts und links von der großen durchgehenden Halle, das Gemeinsame wie auch die Trennung der Räume für die beiden Bewohnerinnen wieder.

Nur eine der beiden Töchter, Marie, bewohnte das Gebäude. Nach ihrem Tod blieb es bis 1924 im Besitz der Verwandtschaft, wurde 1924 an den Württembergischen Giro- und Sparkassenverband verkauft und gelang 1929 in den Besitz der Stadt. Zunächst als Zeppelinmuseum geplant, bezog das Deutsche Auslandsinstitut das Palais, von 1936 bis 1944 beherbergte es eine Ausstellung unter dem Titel „Ehrenmal der deutschen Leistungen im Ausland“.

Nach dem Krieg waren nach damaligen Aufzeichnungen 57,5 Prozent der Bausubstanz beschädigt. Auf Luftaufnahmen der Fünfziger Jahren ist die räumliche Struktur der Wände noch gut erkennbar, eine Wiederherstellung wäre nach heutigen Gesichtspunkten gut möglich gewesen.

1961 wurde entschieden, unter Erhalt der Fassaden, die Stadtbibliothek an Stelle der alten Innenräume zu errichten. Der Architekt, Wilhelm Tiedje, sah vor, das Gebäude über eine Brücke hauptsächlich von der Rückseite zu erschließen. An Stelle der beiden offenen Treppen rechts und links der ehemaligen Halle plante er eine zentrale Treppenanlage, die direkt in der Mittelachse hinter dem ehemaligen Haupteingang zu liegen kam. Ansonsten folgte der innere Neubau den funktionellen Erfordernissen der Bibliothek, hinsichtlich der Schichtung der Ebenen, ebenso wie der klaren Einteilung des Grundrisses durch nunmehr geschlossene Wände. Damit ging die oben beschriebene Einheit der städtebaulichen Konfiguration im Grundriss verloren.

Die Umkehrung des Erschließungsprinzips, Eingang von hinten und Einbau der Treppe in der Mittelachse, dürfte eine Folge der Verkehrsplanung gewesen sein: der Charlottenplatz als mehrstöckiges Verkehrsbauwerk trennte die optische und fußläufige Verbindung zwischen Planie und Wilhelmspalais. Insofern war durch die Akzeptanz des verkehrsgerechten Ausbaus der Straßen die Antwort im Entwurf für die Bibliothek konsequent. Die damit verbundene Zerstörung des städtebaulichen Gefüges sah man wohl als nachrangiges Problem an, oder man wollte diese erst gar nicht sehen.

Unabhängig dieser enormen Eingriffe in das Stadtbild, ob zu Recht oder nicht, hat sich mehrheitlich durch die Kritik an den Ergebnissen des Wiederaufbaus der Stadt an dieser Stelle das Meinungsbild gewandelt. Die Diskussion über die räumlichen Qualitäten der Europäischen Stadt, die seit den frühen neunziger Jahren auch in Stuttgart geführt wurde, spielte für den Wettbewerb zum Umbau des Wilhelmspalais eine große Rolle. Deshalb beschäftigten wir uns zuerst mit der Frage, wie mit den Außenanlagen, aber auch der inneren Struktur der Entwurfsgedanke von Salucci in dem Umbau zum Stadtmuseum realisiert werden könnte. Im Vorfeld des Palais bedeutete das den Rückbau der Mauern zur Konrad-Adenauer-Straße und die Errichtung einer großzügigen Treppenanlage, um Straße, Bürgersteig, Auffahrt und Eingangshalle wieder in einen durchgehenden Raumfluss zu bringen. Langfristig sahen wir den Rückbau der Tunnelzufahrten zur Planie als ebenso überlegenswert, wie auch den Wunsch, das Kunstmuseum und das Palais als die beiden Enden der Planie zu einer stadträumlichen Einheit zu verbinden.

Das Konzept bedingt auch im Innenraum den Ausbau der zentralen Treppe zugunsten von beidseitigen Erschließungselementen in ähnlicher Lage wie sie von Salucci gezeichnet und gebaut worden waren. Durch die Herausnahme der Wände im Erdgeschoss wollten wir den Grundriss öffnen, um einmal dem Gedanken der früheren zentralen Halle, zum andern der durch das Gebäude durchgehenden Sichtachse, die Stadt- und Gartenseite auch von außen sichtbar verband, Rechnung zu tragen. Dies alles ohne Rekonstruktion des Alten, sondern als sinnfällige Interpretation des klassizistischen Konzeptes, das auch heute noch als beispielhaft im Umgang mit Stadt und Haus angesehen werden kann. Kurzum, wir ersetzten den Bau von Tiedje im Innern der Salucci-Mauern durch ein neues Innengebäude.

Die Geschosshöhen konnten dadurch neu gewählt werden, freilich in Abhängigkeit zu den Fassadenöffnungen der bestehenden Außenwände. Dadurch konnte eine Ebene zusätzlich in das Gehäuse eingefügt werden. Dort, im ersten Stock ist die gewonnene Stockwerkshöhe relativ niedrig aber für die Unterbringung der Toiletten und Garderoben gut geeignet.

Im Zentrum des Palais konnten wir, Dank der Herausnahme der alten/neuen Konstruktion, also die der sechziger Jahre, zwei zentrale doppelgeschossige Hallen einfügen. Nicht, wie im wirklich alten Bau für die Töchter, aber dem Gedanken der zentralen Betonung des palladianischen Grundrisssystems folgend. Unten bildet sie den Kern der Eingangshalle, im oberen Geschoss einen Oberlichtsaal, dessen Lichtöffnungen durch Klappen geschlossen werden können. Im Kellergeschoss, das ebenfalls in Größe und Höhe neu dimensioniert werden konnte, wollten wir Öffnungen zum Garten herstellen. Das war dann aber wegen denkmalpflegerischen Belangen, wie auch aus Kostengründen, nicht möglich.

Die Errichtung der gesamten Stahlbetonkonstruktion, selbstragend, bedingte die nicht ganz einfache Sicherung der alten Fassade. Imponierend diese ingenieurtechnische Leistung zu sehen, solange die Außenwände, einer leeren Schachtel gleich, warteten um wieder mit Räumen gefüllt zu werden. Aufgrund der erwähnten Einfügung eines zusätzlichen Geschosses musste die gesamte Haustechnik, Leitungen und Geräte, im Zwischenraum der Salucci-Fassade und dem inneren Raumabschluss geführt werden. Deshalb entschieden wir uns für einen leichten Raumabschluss als Holzkonstruktion, die wie eine Schatulle aus Birke die Innenräume begrenzt. Dieses Material bestimmt den farblichen Eindruck des Hauses. Die Fenster geben über die tiefen Laibungen den Blick auf die Stadt frei. Sie sind wie Vitrinen in die Schatulle eingeschnitten.

Betritt man das Palais über die (hoffentlich bald auszuführende) Treppenanlage von der Straße aus, steht man nach wenigen Metern im Zentrum der unteren Halle. Auf der linken Seite gelangt man in den Vortragsaal, auf der rechten in einen ebenso großen Salon, gedacht für Diskussionen zu aktuellen Fragen und Entwicklungen der Stadt. In der Halle selbst ist linker Hand ein Café, rechts der Empfangs- und Informationstresen untergebracht. Dahinter wird der Museumsshop liegen, auf dem Pendant der anderen Seite die Küche des Cafés. Dazwischen führt der Weg wieder hinaus auf die Brücke, die den Garten bis zur Urbanstraße überspannt. Die ehemalige Konstruktion aus der Tiedje-Ära war marode, sie wurde neu geplant. Dort soll auch die Außenbewirtung stattfinden.

Zurück in die Halle und die beiden neuen Treppenräume, die zunächst auf die umlaufende Galerie mit Blick in die Halle führen. Dort, wie beschrieben, Garderoben und Toiletten. Nochmals eine Ebene höher liegt die Dauerausstellung, konzipiert vom Büro jangled nerves. Dort ist ein Rundgang um die Treppenräume möglich, ebenso der Zugang zum Balkon mit Blick auf die Planie. In der oberen Ebene, der Sonderausstellung, sind neben dieser die Räume der Verwaltung untergebracht.

In der Planung wurde berücksichtig, dass langfristig die Räume auch anderen Nutzungen zugeführt werden können. Das nunmehr zur Ausführung kommende Museumskonzept beschränkt sich nicht nur auf die bekannten Bereiche von Dauer- und Sonderausstellung. So ist das Untergeschoss für ein Stadtlabor eingerichtet, in dem vor allem Kinder mit den umfassenden Bereichen, die die Stadt ausmachen, spielerisch vertraut gemacht werden. Das Eingangsgeschoss ist der Begegnung und Auseinandersetzung mit den Themen der Stadt gewidmet. Es könnte das „Wohnzimmer“ der Stadt werden. Überhaupt soll das Palais anregen, es nicht nur als ein Museum zu nutzen, das lediglich die Vergangenheit ins Gedächtnis zurückholt, sondern als einen lebendigen Ort in der Stadt, der den Fragen der Vergangenheit, der Gegenwart und einer möglichen Zukunft dieser Stadt gewidmet ist.

Bauherr:
Landeshauptstadt Stuttgart
vertreten durch das Technische Referat, Hochbauamt

Nutzer:
Landeshauptstadt Stuttgart, Kulturamt

Architekten:
Lederer Ragnarsdóttir Oei Architekten, Stuttgart

Mitarbeiter:
Klaus Hildenbrand, Benedikt Nauder, Anna Noack, Heiko Müller

Projektsteuerung:
DU Diederichs, München

Ausstellungsplanung:
jangled nerves, Stuttgart

Tragwerksplanung:
Ingenieurbüro Knippers Helbig, Stuttgart

Wettbewerb:
2010 – 1. Preis

Bauzeit:
2014 – 2017

BGF:
9.250 m2

BRI:
36.550 m3

Nutzfläche:
7.350 m2

Standort:
Konrad-Adenauer-Straße 2, 70173 Stuttgart

Auszeichnungen

Hugo-Häring-Auszeichnung und Publikumspreis 2017
BDA Stuttgart Mittlerer Neckar

Veröffentlichungen

db
10 | 2017

Stuttgarter Zeitung
19.09.2017

Stuttgarter Zeitung
14.09.2017

Fotos

Roland Halbe, Stuttgart