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Büro- und Geschäftsgebäude Karlsruhe

Das Herzstück der Erweiterung der Planstadt Karlsruhe ist dem klassizistischen Architekten Friedrich Weinbrenner zuzuschreiben. Er hatte die zentrale Achse in Nord-Süd-Richtung weiterentwickelt. Diese sogenannte »Via Triumphalis« – jenseits der barocken Stadt gelegen und durch die Kaiserstraße im Süden begrenzt – besteht aus einer spannungsreichen Folge von Platz- und Straßenräumen, deren Zentrum der Markplatz darstellt.

Infolge der Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges errichtete man – mit Ausnahme der Nordseite – die den Platz begrenzenden Bauten wieder. Sie sind nicht mit den Vorkriegsbauten identisch, entsprechen aber in ihrer Diktion dem städtebaulichen und architektonischen Muster Weinbrenners. Der Wiederaufbau der Nordseite erfolgte in den fünfziger Jahren in der Formensprache der Nachkriegsarchitektur. Dort finden sich anstelle des für Karlsruhe üblichen Arkadenthemas Kolonnaden.

Für eines der beiden die Ecke der »Via Triumphalis« bildenden Gebäude sollte Ersatz geschaffen werden, weil die mehrmaligen Umbauten im Inneren ebenso wenig wie die Geschosshöhen den nutzungstechnischen Anforderungen eines Geschäftshauses entsprachen. Ein Wettbewerb sollte zeigen, was städtebaulich und architektonisch die bessere Lösung für Platz und Stadt wäre: ein Erhalt der Fassade oder ein Neubau.

Aufgrund der Studien der Vorkriegszeit wie auch der planerischen Überlegungen Weinbrenners entschlossen wir uns, mit einem Neubau die durch Bogenstellungen und Lochfassaden geprägte Architektur aufzunehmen, um so den Beginn einer Neufassung der Anlage auf der Nordseite zu erhalten. Mit dem Satz »Zuerst die Stadt, dann das Haus« formulierten wir das Ziel, das Äußere des Hauses ganz in den Dienst des Stadtbilds zu stellen.

Im Sockelgeschoss setzten wir anstelle der Kolonnaden die Arkaden der Nachbargebäude fort. Diese sind als Fertigteile aus Weißbeton gegossen. Die Oberfläche zum Platz hin ist gestockt, zur Innenseite erhielten die Pfeiler eine konische Wölbung und sind sehr glatt geschalt. Ein horizontaler, bronzener Fries trennt den Sockel von den Obergeschossen. Dort besteht die Fassade aus einer vorgesetzten glatten Putzschale in gebrochener Weißfärbung. Die französischen Fenster entsprechen in ihrem Rhythmus den Lochfassaden der anderen den Marktplatz flankierenden Gebäude. Dazwischen reihen sich mattweiße und rahmenlose Fensterflächen, die tagsüber nur bei genauem Hinsehen sichtbar sind. Bei Dunkelheit werden diese Flächen sanft von hinten beleuchtet, wodurch die Fassade eine zweite Gliederungsebene erhält.

Auch der Dachkörper geht in Maß und Proportion auf die historische Bebauung ein. Die Deckung aus Naturschiefer ist in einem bestimmten Bereich in Lamellen aufgelöst. Dahinter befinden sich, vom Platz aus nicht direkt einsehbar, Dachflächenfenster, die die oberste Etage mit Tageslicht versorgen.

Der Bau des Hauses hat zu großen Diskussionen in der Stadt geführt. Dabei stand neben dem Streit um dem Denkmalschutz für Bauten der fünfziger Jahre die Frage im Vordergrund, ob und wann das Pendant auf der gegenüberliegenden Seite dem Beispiel der Komplettierung folgen soll. Dieses Haus steht nun zum Verkauf …

Bauherr:
Port Karlsruhe GmbH & Co. KG, Stapelfeld

Architekt:
Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart

Wettbewerb:
2007 – 1. Preis

Bauzeit:
2010 – 2011

BGF:
10.150 qm

Standort:
Kaiserstraße 72, 76133 Karlsruhe

Veröffentlichungen

Lederer, Arno / Ragnarsdóttir, Jórunn / Oei, Marc (Hg.):
Lederer Ragnarsdóttir Oei 1.
Jovis Verlag Berlin 2012

Bauwelt
15-16 | 2012

Deutsche Bauzeitschrift
8 | 2012

Baumeister
6 | 2012

Fotos

Roland Halbe, Stuttgart