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Wer sich ihn zuerst ausgedacht hat, wissen wir nicht genau zu sagen. Aber die Erfindung des Ziegelsteines war, was das Bauen betrifft, eine der genialsten. Es gibt immer wieder Teile in der Architektur, von denen behauptet wird, sie seien auf den Menschen zugeschnitten. Dies wird dann jeweils als außerordentliche Qualität bezeichnet.

Wenn es aber in der Architektur ein Material gibt, für das dieses Qualitätsurteil, dieser überzeugende Rekurs auf den Menschen im Besonderen gilt, dann ist dies ohne Frage der Ziegelstein. Ich kann mir kein anderes Material oder bauliches Element denken, das ähnlich dem Ziegel ein menschliches Maß hat: Breite, Länge, Höhe und Gewicht sind so gewählt, dass die Hand gerade noch den Stein bequem umfassen kann und mit der anderen Hand die Kelle geführt werden kann, um mit dem Mörtel die Fugen zu den nächsten Steinen herzustellen.

So entstehen aus dem kleinen praktischen Modul eine Stütze, eine Wand, ein Haus, eine ganze Stadt. Der kleine Maßstab reicht bis zum mittleren und ganz großen Teil: Mag das Haus oder das Quartier noch so groß sein, immer ist der Bezug zum kleinen Maß hergestellt, immer sieht das Auge mit Befriedigung den einzelnen Stein, den jeder kennt, den jeder schon einmal in der Hand gehalten hat.

Man kann sagen, dass sich mit dieser Art zu mauern das Muster des Maßes in unserem Unterbewusstsein festgesetzt hat. Jahrtausende alt ist diese Erfindung. Sie scheint uns so selbstverständlich, als sei sie Bestandteil unserer Gene, stiller Begleiter unserer Evolution. Obwohl es immer wieder Zeiten gab, in denen der gebrannte Stein unterschiedlichen Zuspruch, oder umgekehrt, Ablehnung erfuhr, hat sich der handgerechte Werkstoff als ein Material durchgesetzt, das man getrost zu den “zeitlosen” Materialien rechnen kann.

Zum Erfolg dieser Zeitlosigkeit des Ziegels haben sicherlich – neben der einfachen Handhabung – dessen Ökonomie und Dauerhaftigkeit beigetragen. Die Ziegelkonstruktionen der gotischen Kathedralen, die Bauten Karl Friedrich Schinkels oder jene Alvar Aaltos, allen ist die Trias aus Maß, Ökonomie und Dauerhaftigkeit gemein. Sie alle verfügen über einen ästhetischen Anspruch, der ebenso zeitlos gesehen werden kann wie das Material selbst, aus dem sie gebaut sind.

Alvar Aalto ist ein schönes Beispiel für die Unvoreingenommenheit der Moderne gegenüber diesem zeitlosen Material. Das ist erstaunlich, denn ein Teil des formalen Vokabulars der Moderne wird ja mit den “neuen” Materialien begründet, mit Stahl und Beton. Der Ziegelstein spielt in dieser Diskussion um das “Neue” keine Rolle – zumindest nicht in der theoretischen Auseinandersetzung. Gleichwohl, ob modern oder altmodisch, unabhängig dieser Diskussion entwickelt beispielsweise Walter Gropius die Fagus-Werke aus dem hellen Ziegel, oder Mies van der Rohe sein vielfach publiziertes Landhaus aus Backstein. Mit diesem nie gebauten Entwurf wird jedoch das Material Ziegel, obwohl man es gut und gerne den “altmodischen” oder traditionellen Stoffen zurechnen kann, auch zu einem Baustoff der Architekturmoderne. Und – wenn wir noch kurz bei Mies verharren – markiert er mit den beiden Wohnhäusern Esters + Lange in Krefeld für dessen eigenes Werk den Auftakt zu Mies eigenem Beitrag zur “Klassischen Moderne”. So ist der Stein in dieser Zeit viel weniger mit symbolischen Werten gekennzeichnet, viel weniger indoktriniert als man das aus heutiger Sicht vielleicht wahrnimmt. Das Material per se ist sozusagen “ideologiefrei”.

Selbst ein Architekt wie Le Corbusier, der wahrlich nicht zu den besonderen Freunden des Ziegels gezählt werden darf, verwendet ihn später mit Bravour. Und das etwa nicht bei einfachen Stützen und Wänden, sondern bei den schönen katalanischen Gewölben der Jaoul-Häuser und den darauf zurückgehenden folgenden Gebäudetypen.

So unbekümmert wie die Moderne, so vorurteilsfrei, bedient sich andererseits auch die Konservative und rechte Seite der Architekten dieses Materials, und trägt damit jedoch ihren Teil zu dessen Ideologiesierung bei – besonders in politisch schwierigen Zeiten, wie etwa während des Dritten Reiches. Freilich, jene Architekten nahmen ihn gerne, weil der Ziegel besonders auch Tradition darstellen und vermitteln kann und mit ihm ohne Umschweife eine Beziehung zur Geschichte, zum “nationalen Bauerbe” hergestellt werden kann. Zudem lassen sich mit Backstein hervorragend Bögen und Gewölbe herstellen, Tragkonstruktionen, die nur für sich genommen wiederum von der modernen Bewegung als überkommene historisierende Sprache abgelehnt werden.

Natürlich lassen sich mit Bogen und Gewölbe auch leicht Beziehungen zu den großen Werken der Baukunst herstellen: Von den römischen Ingenieurbauten wie Aquädukte, imposanten Kuppelbauten bis hin zu den erwähnten gotischen Sakralbauten oder die Backsteinkunst der Renaissance. Hier finden sich überall genügend Motive, die einen Rekurs zur eigenen Geschichte erlauben.

Aber auch in diesem Bereich, der Rückbesinnung auf historische Bauformen, gibt es schöne und eindrucksvolle Beispiele eines ideologiefreien und feinfühlig interpretativen Umgangs mit den bildhaften Konstruktionen. Bei Louis I. Kahn ist gerade dies der Gegenstand seiner architektonischen Botschaft. Er ist der radikalste jener Vertreter, die gekonnt und ohne Vorbehalte alte und neue Konstruktionsmethoden harmonisch miteinander verbindet. Gewiss ist er nicht der Erste, der in dieser Mischung aus “Tradition und Fortschritt” etwas Drittes, etwas ganz Eigenes hervorbringt: Theodor Fischer, Mitbegründer des Deutschen Werkbundes (1907) wählt gerade dieses Thema zum Inhalt seines eigenen Schaffens. Wie harmonisch diese Synthese aus Tradition und Fortschritt vonstatten geht, kann man an der Kirche in Ulm, die Fischer 1906-1910 gebaut hat, nachvollziehen. Dort ist – ohne Bruch – die traditionelle Bauweise aus Mauerwerk mit der neuen Methode des Eisenbetons unprätentiös zusammengeführt. Wenige Jahre später hätte eine ähnliche Mélange nicht stattfinden können, denn die Moderne verlangte in dieser Beziehung die “Klarheit und Ehrlichkeit der Konstruktion”.

Der Absolutheitsanspruch, mit dem die modernen Architekten nur das Eine oder das Andere für legitim erachten, wird erst viel später, nämlich in der Zeit nach der Ölkrise der siebziger Jahre, zum Konflikt führen. Seit jener Zeit ist die Reinheit der Konstruktion obsolet geworden. Das betrifft vor allem die Länder in Mitteleuropa. Dort führt die Energieknappheit zur bisweilen radikalen Forderung, ein Gebäude dürfe im Betrieb nur eine begrenzte Menge an Heizenergie verbrauchen. Aus dieser, vor allem in der Bundesrepublik Deutschland zum Teil scharf geführten Diskussion entsteht ein kompliziertes Regelwerk, das die Grenzwerte für den Verbrauch von Enegrie schrittweise verringert.

Obwohl dabei andere Kriterien, wie beispielsweise die der Dauerhaftigkeit oder der Transportwege des Baumaterials nicht berücksichtigt sind, werden die Bestimmungen konsequent durchgesetzt. Damit sind jahrtausendalte Konstruktionsmethoden, wie wir sie in der monolithischen Mauerwerkbauweise finden, mit einem Mal nicht mehr möglich. Denn, eine solche Konstruktion erreicht nicht mehr die erforderlichen Werte der Wärmedämmung, die man heute von einer Außenwandschale zu erfüllen hat.

Die Anwendung des Ziegels beschränkt sich also heute zunehmend auf die Außenschale einer mehrschichtigen Wand. Kritiker sagen, dies habe nichts mehr mit den klassischen Methoden des Ziegelbaues zu tun. Vielmehr handle es sich nur noch um “Steintapeten”, die als vorgehängte Fassaden die notwendige Wärmedämmung und die dahinter verborgene Stahlbetonkonstruktion verdecken. Diese kritischen Stimmen finden es im Sinne der Moderne wichtiger, dann auch “moderne” Oberflächen herzustellen, die besser zur mehrschaligen Wand passten – wie etwa Metall oder Faserzement.

Just an diesem Punkt setzen unsere Überlegungen an: Selbst wenn der Ziegel nur noch dazu dienen kann, Witterungsschutz für eine Wärmedämmumg zu sein, also von seiner originären Funktion des Tragens völlig befreit würde, was spräche wirklich dagegen? Sind etwa die “neuen” Materialien besser in der Dauerhaftigkeit, in der Solidität und Stabilität, oder der Fähigkeit, sich allen denkbaren Kleinstmaßen unterzuordnen? Und sind die Metall- oder Glasfassaden bei ähnlichem Wandaufbau nicht auch “Tapeten”? Was hindert uns daran, den Ziegel im Inneren des Hauses zu verwenden, als Stütze, als Bogen, als Gewölbe?

In den letzten Jahren haben wir mehr und mehr entdeckt, wie viel besser sich der sichtbar belassene Backstein für die gerade beschriebenen Bauteile eignet. In den beiden Schulen (Ostfildern und Salem) haben wir dort Ziegel verwendet, wo im Innenraum Robustheit verlangt wird, wo die Gefahr der Verletzung der Oberflächen sehr groß ist, oder dort, wo man nicht alle paar Jahre die Wand mit einem neuen Anstrich versehen muss. In Stuttgart haben wir vor einigen Jahren ein Bürogebäude geplant, bei dem die im Innenhof liegende Mensa mit einem sichtbar belassenen Ziegelgewölbe überspannt ist. Und wir haben bei den verschiedenen Häusern auch versucht, die tragenden Innenwände und Stützen wieder in Mauerwerk herzustellen.

Bei allen Bauwerken achten wir darauf, dass die Verfugung, also die Art, wie die Fuge ihre ästhetische Wirkung erhält, präzise auf die spezifische Situation des Ortes eingeht. Bei der Schule in Ostfildern, oder auch bei jener in Salem, handelt es sich um eine Bauaufgabe, die in direktem Kontrast zur umgebenden Landschaft steht. Dort sind Mauern gewünscht, die den Eindruck erwecken sollen, als hätten sie schon immer so selbstverständlich dort gestanden.

Sie müssen keineswegs “altmodisch” sein, sondern vielmehr einen dem zeitlichen Aspekt unabhängigen, also zeitlosen Charakter haben (was immer man darunter verstehen kann). In beiden Fällen haben wir einen Stein mit unregelmäßiger, ja fast unbeholfen bearbeiteter Oberfläche gewählt. Zusammen mit den grob verschmierten Fugen erhielten wir die gewünschte Detailqualität, die für die Schulen auch städtebauliche respektive landschaftliche Qualität bedeutet.

Bei dem zuvor erwähnten Bürogebäude in Stuttgart haben wir eine ganz andere, eine konträre Situation vorgefunden: Dort handelt es sich um ein klar umrissenes Baugrundstück, das sich in der Mitte der Stadt befindet. Das Äußere musste also auf die spezifische urbane Situation antworten können. Dort verlangte der Ort, nach unserer Einschätzung, einen Stein mit exakter Oberfläche und eine Verfugung, die im Zusammenhang mit dem nahezu schwarzen Material eine noble Oberfläche ergibt.

Wir gaben daher an, die horizontalen Fugen weiß, die vertikalen hingegen schwarz zu mauern. – Übrigens eine im 19. Jahrhundert häufig angewandte Methode, derer sich auch noch Frank Lloyd Wright bei seinem Robie House bedient.

Natürlich geht es uns bei der ganzen Diskussion um ein adäquates Material um mehr als nur um die Verwendung von Ziegelstein. Wir sind der Überzeugung, dass es ein Gegenstück, eine Gegenposition zur grenzüberschreitenden Euphorie der Stahl- und Glasarchitektur des 20. Jahrhunderts geben muss, dass nach wie vor gerade der spürbare Unterschied zwischen Innen- und Außenraum die Architektur bereichert, dass der Innenraum sich spannungsreich vom Äußeren unterscheidet und uns durch seine körperhafte Umhüllung und haptischen Qualitäten etwas von einer Welt erzählen kann, die es außen (nicht mehr) gibt. Häufig fehlt den Gebäuden der zeitgenössischen Architektur diese Überraschung, die wir an alten Häusern so zu schätzen wissen. Von diesen Gebäuden erwarten wir nichts Besonderes mehr, keinerlei Überraschungen, da wir von draußen schon wissen wie es drinnen sein wird. Will man jedoch einen feinen Unterschied erzeugen, so ist es ratsam, die Mauern aus einem Material zu gestalten, das uns seit Jahrhunderten auf die spannungsvolle Differenz zwischen Außen und Innen vorbereitet: Der Ziegel.

Arno Lederer
Publiziert in:
a+u Architecture and Urbanism, Heft 373
Tokyo: Oktober 2001
(About building with bricks)